Würfeltaten-Projekt: März

„Was zur Hölle sind das für Begriffe?!“

Ungefähr meine Reaktion als ich die März-Wüfel bei Caileala sah. Nur um das zu verdeutlichen hier die komplette Liste: Typ weicht vor herunterfallendem Objekt aus (glaub ich zumindest), Typ lässt Objekt fallen (was ein Zufall!), Handschellen, Typ meldet sich, Elefant, großer Typ blickt auf kleineren Typ herab, Typ verbirgt seine Augen während er von eine Wand hervorguckt (oder spioniert er?), Schaf, Wäsche trocknet in der Sonne, Musik (Note), Blume, Schildkröte, gezündete Stange Dynamit, Fingerabdruck, Schnick Schnak Schnuck.

Im Grunde ist Würfeltaten ja ein Logikrätsel mit der zentralen Frage: „Welchen logischen/kausalen Zusammenhang gibt es zwischen den Begriffen?“. Und genauso behandel ich es auch. Jeder Begriff soll möglichst ein zentraler Bestandteil der Geschichte sein (wenigstens ein McGuffin). Wäre die Geschichte ein Point & Click Adventure, wären die Begriffe ansehbar/benutzbar/ansprechbar und kombinierbar und nicht nur Bestandteil des gemalten Hintergrundes. Das macht die Aufgabe nicht gerade leichter (und oft gelingt es mir auch nicht), aber spannender.

Diesmal habe ich das Format eines Interviewartikels benutzt.

„Wir waren wie Stauffenberg“

Vor einem Jahr machten die „Drei Feuerteufel“ in der Presse von sich reden. Auf einem Rachefeldzug gegen ehemalige Arbeitgeber, ließen sie selbstgebaute Bomben explodieren. Guy Ritchie verfilme die Geschichte als schwarze Krimikomödie aus der Sicht der drei Komplizen Sarah, Dave und Ann-Marie. Am Donnerstag startet der Film „Stein, Schere, Boom!“ in unseren Kinos. Wir haben Sarah Ingalls, die im Film von Alice Lowe gespielt wird, getroffen und mit ihr über den Film und die wahre Geschichte zu sprechen.

SchnickSchnackSchnuck

„Stein, Schere, Boom“ kommt am Donnerstag ins Kino

Bevor ich Sarah Ingalls treffen kann, muss ich durch mehrere Kontrollen. Meine Tasche wird gescannt und meine Kamera und ein Kugenschreiber werden mir abgenommen. Ich befinde mich in der Hochsicherheitspsychiatrie von London. Obwohl ich es besser weiß, erwarte ich schreiende, verrückte Menschen, die durch enge Gänge mit flackernden Lichtern flitzen. So wie man es aus Filmen kennt. Die Realität könnte allerdings nicht unterschiedlicher sein. Der Garten der Anstalt ist in ein warmes Sommerlicht getaucht. Mir wird gesagt, dass Sarah gerade die Wäsche aufhängt. Wenn das viele Sicherheitspersonal nicht wäre, hätte ich schwören können, auf einer viktorianischen Sommerresidenz zu sein.

Die einzige Überlebende

Im Film sind Sarah Ingalls (Alice Lowe), Dave Kindler (James McAvoy) und Ann-Marie Huberman (Saoirse Ronan) drei ungleiche Angestellte, die aus Überdruss einen vorgeblich idotensicheren Plan schmieden, um sich an ihren Arbeitgebern zu rechen. Der Film ist eine tief schwarze Komödie und folgt den drei Elefanten im Porzellanladen, wie sie sich ins Verderben stürzen. Sie basteln sich Wasserstoffbomben und lassen sie in ehemaligen Arbeitsstellen explodieren. Anwaltskanzlei – Subway-Filiale und IT-Unternehmen. Sarah überlebt am Ende als einzige, weil sie bei einem folgenschweren Spiel Stein, Schere, Papier gewann und nicht nach der vermeintlich fehlgezündeten Bombe schauen musste. So banal, so real.

Bei Sarah wurde das Borderline-Syndrom diagnostiziert. Vor mir sitzt eine hübsche Frau von Mitte 30, redegewandt, jedoch etwas abwesend. Als sie über ihre Geschichte redet, merke ich, wie sehr sie wirklich hierher gehört. „Eigentlich waren wir wie Stauffenberg“, beginnt sie und bezieht sich damit auf den gescheiterten Hitler-Attentäter. „Jahrelanges Mobbing, schlechte Bezahlung und unerträgliches Arbeitsklima. Wenn Sie mich fragen, haben wir nur für Gerechtigkeit gesorgt. Lange kann das niemand aushalten von oben herab immer klein gehalten zu werden“ Ihr Arzt würde darüber anders denken, fügt sie mit einem Lächeln dazu. Ich verzichte darauf zu fragen, warum sie nicht einfach gekündigt hat. Wie einfach war es, selber Bomben zu bauen, frage ich sie. „Ich habe mich da größtenteils herausgehalten. Das haben Dave und Ann unter sich geregelt. Ann hatte als Chemiestudentin Zugang zum Labor ihrer Universität. Sie muss das ganze Wasserstoffperoxid und die anderen Zutaten aus dem Fenster geworfen haben. Unten hat Dave das ganze Zeug aufgefangen.“ Sie sagt das ohne besonderes Interesse, pflückt während sie spricht gelben Löwenzahn und flechtet sie zu einem Kranz. Manchmal höre ich Schreie vom anderen Ende der Wiese. Das Anstaltsklischee wird doch noch erfüllt.

Im Film wird Dave als Anführer dargestellt, der besonders Ann-Marie durch sein ausgeprägtes Charisma beeinflussen konnte. „Dave ist wirklich nicht der böse Schurke, der uns alle verleitete. Zumindest mich nicht. Bei Ann-Marie bin ich mir nicht so sicher.“, sagt sie. Dave wäre herzlich und warm im Umgang mit Menschen gewesen. Seine Wut hätte er nie gezeigt. Ann-Marie wäre ihm komplett verfallen, sagt Sarah. Sie hätte eigentlich keinen Grund gehabt, sich an ihrer Arbeitsstelle zu rechen. „Ich glaube, sie wollte ihm gefallen und hat deswegen mitgemacht.“ Sarah erzählt das, ohne zu merken, dass sie immer wieder ins Präsens verfällt, während sie ihre verstorbenen Komplizen beschreibt.

Das schicksalhafte Stein, Schere, Papier Spiel

Dann stelle ich die Frage aller Fragen, die Sarah, Dave und Ann-Marie zum Gespött der Medienlandschaft machte. Warum musstet ihr unbedingt nach der Bombe schauen? Und warum Stein, Schere, Paper?

„Wir sind keine Terroristen“, sagt Sarah abschätzig, „unsere Sprengkörper hatten keinen Timer. Wir haben berechnet, dass wir immer zehn Minuten haben, um das Gelände zu verlassen. Dave hat nach dem Zünden immer den Timer an seinem Handy auf zehn Minuten gestellt.“ Nur nicht an diesem Tag, vervollständige ich ihren Gedanken. Sarah nickt und atmet dabei resigniert aus. „Unser Timerton waren drei kurze Piep-Töne wie man sie aus Filmen vor einer Bombenexplosion hört.“ Diesmal ertönten sie nicht. Und als hätte es irgendetwas damit zu tun, blieb auch die Explosion aus. „Wir stritten schrecklich. Ich war der Meinung, dass die Bombe diesmal ein Blindgänger war. Dave und Ann verteidigten ihre Baukunst und glaubten, dass ich die Bombe diesmal nicht ordentlich gezündet hätte. Kein Weg führte daran vorbei, noch einmal gucken zu gehen.“ Eine schnelle Partie Stein, Schere, Papier sollte entscheiden, wer noch einmal in das Gebäude gehen muss. Sarah hatte Glück und gewann das absurde Spiel. Dave verlor. „Ann und ich warteten hinter der Hausecke. Ich konnte nicht hinsehen.“ Dann lief Ann-Marie plötzlich auch wieder zurück ins Gebäude. „Scheiße, scheiße, scheiße, rief sie. So als wüsste sie, warum die Bombe nicht explodierte.“ In den Medienberichten überschlugen sich Spekulationen warum, die Bombe später explodierte. Theorien reichen von einer falschen Einschätzung der vergangenen Zeit bis hin zu Vermutungen über falsche Länge der Zündschnur. Sarah hat sich keine Gedanken über die Gründe gemacht. „Das nächste woran ich mich erinnere, ist, dass ich meinen Fingerabdruck geben musste und mich wunderte, warum ich das umständlich in Handschellen erledigen musste.“ Die Polizei fand Sarah ohnmächtig auf dem Gehweg. Ann-Marie starb später im Krankenhaus, Dave noch am Unfallort.

Ich stelle mit vor, dass die humoristische Darstellung im Film für einen Betroffenen schwer sein muss. Doch Sarah Ingalls sieht das irritierend sportlich. „Ich konnte lachen. So dämlich, wie im Film dargestellt, waren wir zwar nicht. Aber ich kann das mit emotionaler Distanz betrachten. Hier habe ich gelernt, dass mein Verhalten pathologisch war. Ich weiß, dass ich das alles wegen dem Borderline getan habe, aber ich fühle es noch nicht.“

An dieser Stelle merke ich, wie sehr sich Sarahs Eigenwahrnehmung von der Realität unterscheidet. Wie sehr sie noch nicht die Tragweite ihrer Tat begriffen hat. Sie hat noch einen weiten Weg vor sich, wird vielleicht immer Medikamente nehmen müssen. Ich verabschiede mich, laufe über den grünen Rasen zurück zum Ausgang und werde den Gedanken nicht los, dass Gut und Böse auch nur eine Frage des Blickwinkels sind.

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  1. c a i l .eala - März 26, 2014

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