Gedanken zu „The Circle“ von Dave Eggers

Ist zwar eigentlich fürs Verschwinden in der universitären Schreibtischschublade gedacht, aber sharing is caring, right? 😉 

The Circle ist einer der  meist diskutierten Romane des Jahres. Er fängt wie kaum ein anderer die Ängste, Sorgen und Gefahren des Digitalen Zeitalters ein und reiht sich perfekt in zahlreiche Entwicklungen dieser Tage ein. Big Data, das Recht auf Vergessenwerden, Netzneutralität, NSA-Überwachung und Prism, bishin zu „The Fappening“, und die als #GamerGate bekannt gewordene Hexenjagt der amerikanischen Spieleentwicklerin Zoe Quinn[1] – all das, argumentiert The Circle, würde durch vollkommene Transparenz kein Problem mehr sein. Wenn jeder das Recht und die Möglichkeit besitzt, alles zu wissen, wird die Welt ein Ort sein, an dem Korruption, Verbrechen und Einsamkeit keinen Platz mehr haben.

Schöne neue Welt

In The Circle erschafft Dave Eggers eine Welt, die kein fernes Dystopia ist, sondern in unmittelbarer Zukunft zu liegen scheint. Das Unternehmen, The Circle, ist eine Art Google-Apple-Microsoft-Facebook-PayPal-Konglomerat, das Anonymität im Internet abgeschafft hat und auf vollkommene Transparenz hinarbeitet. Die 24-jährige Mae Holland betritt den Circle-Campus als Neuling und wird schon bald von den Idealen und Zielen des Circle gefangen genommen.

SHARING IS CARING, PRIVACY IS THEFT und SECRETS ARE LIES sind die orwell’schen Prinzipien, nach denen der Circle funktioniert.

Wer das System kritisiert, oder sich nicht beteiligt, ist antisozial. Überwachung gilt als Gewinn von Freiheit. Menschen verhalten sich in Eggers Welt nur dann gut, wenn sie von anderen beobachtet werden und finden diesen Umstand befreiend. Es ist eine Welt, in der Privatheit verpönt, gar am Aussterben ist. Die Parallelen zu 1984 sind zwischen den Zeilen jederzeit spürbar. Doch während Winston Smith innerlich zweifeln darf, und gegen das unterdrückende System bis zu seiner unvermeidbaren Gehirnwäsche ankämpft, ist Mae eine durch und durch unkritische und naive Protagonistin, die keine Grautöne erkennen darf. Der Leser kann sich ihr an jeder Stelle überlegen fühlen, Subtilität hat in Eggers‘ Buch keinen Platz. Trotzdem tut The Circle auch an den richtigen Stellen weh.

Ja, wir sind zu bequem unsere E-Mails vernünftig zu verschlüsseln. Ja, wir nehmen in Kauf, dass unsere Daten auf Facebook nicht sicher sind. Ja, es ist einfacher Online-Petitionen zu unterschreiben statt auf die Straße zu gehen. The Circle zeigt ein in der Tat ein beunruhigendes Worst-Case-Szenario für den Fall, dass die Bequemlichkeit über das kritische Denken triumphiert; für den Fall, dass alles was technisch möglich auch technisch nötig wird. Google StreetView geht als die primitive Vorstufe von SeeChange[2] durch. Die ständige Erreichbarkeit über Facebook und WhatsApp, das Teilen des Aufenthaltsortes mit Swarm und Foursquare, die Dokumentation des eigenen Lebens via Instagram und Vine bilden das heutige Equivalent zu Maes Entscheidung sich komplett transparent zu machen. Doch im Unterschied zur Dystopie von The Circle haben wir noch eine Wahl, die Abhängigkeit vom Internet zu brechen und nur das zu teilen, was wir wirklich wollen. Die Schattenseite sind Auswüchse missgeleiteter Transparenz wie Prism, Big Data, The Fappening und #GamerGate. Sie lassen schon eher in eine beunruhigende Zukunft blicken, da sie sich unserer Kontrolle entziehen.

Alles verloren?

Bei The Circle springen die Menschen mit lachendem Gesicht über den Abgrund, in der Realität, so scheint es, werden wir auf dem Sofa sitzend von einem Bulldozer hinunter geschoben. Oder?
Forscher erkennen tatsächlich einen Gegentrend zur digitalen Vernetzung. Der Jugendkulturforscher Philipp Ikrath beobachtet den Trend zum „Defriending“ in sozialen Netzwerken, genauso wieder das zunehmende Bedürfnis nach analogen Beschäftigungen.

Der Trend, der unter anderem in US-Untersuchungen dokumentiert worden sei, lasse sich zu einem Teil durch negative Erfahrungen im Elternhaus erklären: Viele Eltern seien selbst ständig mit Laptop, Tablet und Smartphone zugange und hätten dadurch nur wenig Zeit für ihre Kinder. Ikrath glaubt, dass die heute 15- oder 16-Jährigen deshalb später als Erwachsene eine differenziertere Haltung dazu haben werden“[3]

Verschlüsselte, angeblich sichere Netzwerke sprießen alle paar Jahre aus dem Boden, zuletzt verzeichnet Ello rasant ansteigende Nutzerzahlen[4], Apple verbessert (angeblich) seine Datenschutzbestimmungen[5]. Es scheint also ein starkes Bedürfnis nach Privatheit unter der dicken Schicht aus Bequemlichkeit zu geben, und das unabhängig davon, ob Ello langfristig Erfolg hat oder Apple es dem FBI tatsächlich schwerer macht; an unsere Daten zu kommen. In Eggers‘ Welt sind es nur Trolle, Porno-Konsumenten und sehr wenige andere Charaktere, die vollkommene Transparenz fürchten. Die Realität spiegelt das nicht wieder. Trolle und Idioten lassen sich nicht durch Klarnamenzwang vom Stänkern abhalten; das weiß jeder, der schon einmal Kommentare auf Facebook gelesen hat. Die Süddeutsche reformiert deswegen ihre Kommentarspalten[6] – ein Schritt der das Gegenteil eines Circle’schen Partizipations-Zwangs bedeutet.

Literarisch bleibt der Roman recht schwach. Die Charaktere sind Pappaufsteller, fungieren nur als Vehikel für die Handlung. Der Schreibstil ist allenfalls durchschnittlich, vermittelt Eggers‘ Ideen mit dem Holzhammer ohne Platz für subtile Symbolik. Der Roman wirft zwar viele interessante und relevante Fragen auf, ist aber nicht bereit sie auch zu diskutieren. Das Nachdenken muss der Leser übernehmen, was per se nichts Schlechtes ist, holt es einen doch aus der Bequemlichkeit heraus, von der sich ein real life Circle ernähren würde.

Zum Nachlesen:

[1] Cracked.com, 5 Things I Learned as internet’s most hated person, [16.09.2014]
[2] Die im Buch beschriebenen, fast unsichtbaren HD-Kameras, die einen Live-Stream von jedem Ort auf der Welt bieten.
[3] Heise Online, „Avantgarde von digitalen Aussteigern“: Forscher sieht bei Jugendlichen Gegenbewegung zum Digitalen, [11.09.14]
[4]  Wall Street Journal, Facebook-Killer kommt zur rechten Zeit,  [29.09.2014]
[5] Zeit Online, Kasperletheater mit Apple und dem FBI, [23.09.2014]
[6] Süddeutsche Zeitung, Lassen Sie uns diskutieren, [01.09.2014]

Mehr Gedanken zu David Eggers „The Circle“ bei MmePassepartout von Lieblinsfehler.de

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