Würfeltaten-Projekt: April

Gut, auf den letzten Drücker doch noch fertig geworden mit der viel zu lang geratenen April-Challenge. Die Würfel waren diesmal recht schön, wie ich fand.Ich habe sie wie folgt interpretiert:  Heulen, Pokern, Affe, Liebe, Polizei, Aua am Daumen, Tür klopfen, Puzzleteil, Mond, Fisch, Chipkarte, Fuß, Würfel, Ratlosigkeit, Vogel.

Noch einmal kurz zusammengefasst, worum’s geht:

“Einmal im Monat werde ich nun ein Foto posten, auf dem ich zufällige 15 Cubes gewürfelt habe. Jeder der möchte, kann dann mit mindestens 12 dieser Würfel eine Geschichte erzählen.”

Hut ab, vor dem, der tatsächlich versucht, alles durchzulesen – es ist lang. Ich weiß, dass ich auf amateurhafte Ergüsse selten Lust hab.

Die Geschichte heißt Clara. und beginnt….jetzt.


 Clara

Waren es drei Tage? Drei Monate? Jahre? Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Ich saß am Schreibtisch in meiner winzigen Dachgeschosswohnung. Die Fenster hielt ich geschlossen, sodass der rußige Mief der Straße nicht hereinkommen konnte. Die Stadt stank dieser Tage wieder besonders nach abgebrannten Reifen, nassem Asphalt und Rauch. Aus den Gullis stieg stinkender Dampf auf. Das goldene Licht der wenigen funktionierenden Straßenlaternen spiegelte sich in den regennassen Straßen und vermischte sich mit dem schimmernden Licht des zunehmenden Mondes. Meine Aufmerksamkeit galt allerdings schon eine Weile nicht mehr dem nächtlichen Treiben. Seit wenigen Tagen saß ein schwarzer Vogel auf der Friedhofsmauer gegenüber meiner Wohnung. Ich vermag nicht zu sagen, welche Art von Vogel es war. Clara hätte es sicher gewusst. Sie hatte diese einmalige Gabe mit Tieren zu kommunizieren. Manchmal trat sie damit auf. Sie führte ein paar Zaubertricks auf und ließ Vögel, Katzen oder Affen kleine Kunststücke vollführen. Auch deswegen träumte sie davon, die Stadt zu verlassen. Raus auf Land. Oder auf das, was vom Land noch übrig war. In der Stadt gab es zwar auch Tiere. Sie hatten allerdings die gleiche arglistige Grimmigkeit der Stadtmenschen angenommen. Wie dieser schwarze Krähenvogel dort. Er forderte mich nun schon seit drei Tagen mit seinem kohleschwarzen, stechenden Blick heraus. Der Schlafmangel, der mich seit geraumer Zeit heimsuchte, ließ mich etwas paranoid werden. Manchmal bildete ich mir ein, ich würde von irgendjemanden beobachtet. Dann wiederum fantasierte ich, dass die Seelen der Toten in die Tiere gefahren seien, um die Lebenden dafür zu strafen überlebt zu haben. An manchen Tagen war ich mir allerdings nicht sicher, wer hier wirklich die Glücklicheren waren. Die Toten oder die Lebenden. Denn seit dem Ausfall war das Leben ein anderes. Ich war noch ein Kleinkind, als es passierte. Übrig blieb eine um 60% dezimierte Erdbevölkerung und eine Welt, deren Infrastruktur komplett zusammengebrochen war. Wir siechten nun irgendwo zwischen Industriezeitalter und digitalem Zeitalter dahin.

Der Vogel hatte mich genug verhöhnt, entschied ich in einem Anfall von Zorn. Ich riss die Fensterläden auf und brüllte hinüber. Sofort setzte sich das Tier in Bewegung und flog ohne Umschweife direkt auf mich zu. Zu perplex um zu reagieren, sprang ich zur Seite und ließ ihn flatternd auf meinem Schreibtisch Platz nehmen. Hatte er darauf gewartet, dass ich das Fenster öffnete? Erst jetzt bemerkte ich, dass er eine verkrampfte Kralle hatte. So als würde er etwas festhalten. Tatsächlich sah ich, dass ein Zettel in seinem linken Fuß steckte. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, warum ich dem Krähenvogel und dem Zettel so große Bedeutung zumaß. Vielleicht hatte ich instinktiv gewusst, dass es etwas mit Claras Verschwinden zu tun hatte. Vielleicht wollte ich mich aber auch nur vom Schmerz ihres Verlustes ablenken. Meine geliebte Clara verschwand spurlos an einem verregneten Oktobermorgen. Die Polizei stellte keine Hinweise auf ein Verbrechen fest und legte den Fall zu den Akten. Menschen entschieden sich eben, zu verschwinden. Da könne man nichts gegen haben. Besonders in der heutigen Zeit würde das häufig passieren. Und sie hatten Recht. Sie wollte verschwinden. Wir wollten verschwinden. Gemeinsam. Eine Erklärung, warum sie mich zurückgelassen haben sollte, wollte mir nicht einfallen.

Der Vogel machte keine Anstalten, mir den Zettel auszuhändigen und so griff ich nach seiner Kralle. Doch das Tier schnappte blitzschnell nach meiner Hand und biss mir in den Daumen. Dass so ein kleines Tier so eine Kraft entwickelt konnte, hätte ich nicht gedacht. Ich schrie erschrocken auf und hätte dem arglistigen Biest am liebsten den Hals umgedreht. Clara hätte gewusst, wie der Vogel zu besänftigen war, dachte ich wieder. Dieser kurzen Eingebung folgend, pflückte ich die wenigen Körner von dem alten Brot in meiner Küche und gab sie dem Tier zum Fraß. Natürlich entspannte das Körner pickende Tier sofort seinen verkrampften Fuß.

Der Zettel, für den ich einen blutenden Daumen riskiert hatte, entpuppte sich als profane Visitenkarte. Auf stark ausgeblichenem mitternachtsblauem Grund befand sich ein schwarzer stilisierter Affenkopf. Die Monkey‘s-Bar. Ein heruntergekommener Nachtclub, der nach den vielen Affen benannt war, die man von dort aus über den Friedhof springen sehen konnte. Manchmal verirrte sich auch mal ein Exemplar in die Bar. Die Tiere holten sich nach dem Ausfall wieder ein Stück ihres Landes zurück. Warum auch nicht.

Die Monkey’s Bar befand sich in der obersten Etage eines sonst leer stehenden ehemaligen Bürogebäudes. Ich fuhr mit dem ratternden Aufzug bis ganz oben. Der einzige funktionierende Knopf hatte den gleichen Affenkopf wie auf der Visitenkarte und leuchtete in grellem Blau. Solche Kleinigkeiten sah man nicht mehr oft. Elektrizität war ein seltener Rohstoff geworden. Überall fehlte es an Expertise. Privatpersonen bekamen nur 13 Stunden Strom am Tag. Das reichte. Das Internet war sowieso auf einen kleinen Teil seines ursprünglichen Volumens zusammengeschrumpft. Mobilfunk gab es praktisch nicht mehr.

Der Fahrstuhl hielt ratternd an. Als die Tür aufging blickte ich in einen dunklen Gang, an dessen Ende die leicht geöffnete Tür zur Bar lag. Gedämpfte Musik drang durch den Spalt. Irgendein Jazz Stück aus dem letzten Jahrtausend. Als ich die Monkey’s Bar betrat erkannte ich sie nicht wieder. Riesige blau beleuchtete Aquarien trennten die einzelnen Sitzecken voneinander. In ihnen schwammen Fische mit schwarz-weißem Zebramuster. Auf einer kleinen Bühne spielte ein Jazztrio. Viele Gäste waren nicht hier. Die wenigen waren wie ich allein. Aus dem heruntergekommenen Schuppen war seit ich das letzte Mal hier war eine Art high-class Nachtclub geworden. Ich wunderte mich, woher jemand so viel Geld hatte. Unsicher stellte ich mich an die Bar und sprach den Barkeeper an. Er war ein hagerer Typ von vielleicht Mitte Vierzig. Die wenigen Haare, die ihm noch geblieben waren, hatte er zu einem kleinen Zopf gebunden. „War in den letzten Tagen zufällig diese Frau unter ihren Gästen?“, ich holte ein lädiertes Passfoto von Clara aus meinem Portemonnaie. Der Barkeeper warf einen kurzen, uninteressierten Blick darauf, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Gläserpolieren zu. „Sagt Ihnen diese Visitenkarte vielleicht etwas?“, versuchte ich es erneut. Aber was sollte er auch sagen. Neben mir auf der Theke lag ein ganzer Stapel voller identischer Karten. „Hören Sie. Entweder sie bestellen etwas zu trinken oder sie gehen. So einfach ist das.“, erwiderte er ohne auf meine Frage einzugehen. Als ich mich gerade abwenden wollte, fiel mir der Daumen des Barkeepers auf. Unter normalen Umständen hätte ich das fehlende Stück für einen Arbeitsunfall gehalten. Aber da mein Daumen fast genauso aussah, konnte ich nicht anders als an ein weiteres Teil des Puzzels zu glauben. Warum würde ein Vogel sich eine Visitenkarte schnappen, den Barkeeper vorher in den Daumen beißen, dann zu mir fliegen, um mich genauso zu verunstalten? „Was ist mit Ihrem Daumen passiert?“ fragte ich so nonchalant wie möglich. Der Mann blickte mir in die Augen. Dann fiel sein Blick auf meinen bandagierten Daumen. „Verschwinden Sie einfach!“. Sein lauter Tonfall duldete keine Widerrede. Aus der Tür hinter der Theke kam wie auf‘s Stichwort ein muskelbepackter Schlägertyp, der mich offensichtlich einschüchtern sollte. „Hey, nichts für ungut. Peinliche Geschichte, versteh‘ schon.“, versuchte ich die Situation mit Humor zu lösen. Die beiden Männer, verzogen keine Miene. Nach einem Moment unangenehmen Schweigens: „Nur ein Gin Tonic, bitte.“ sagte ich als hätte er mich gefragt, was ich gerne trinken möchte. Ich lächelte unschuldig, um ihm zu beweisen, dass die Frage mit dem Daumen nur Smalltalk gewesen war. Ich hatte eindeutig einen wunden Punkt entdeckt. Misstrauisch dreinblickend stellte er mir das Glas mit meinem Wunschgetränk auf die Theke. Ich setzte mich an einen der Tische, lauschte der Musik und sah den Affen bei ihrem nächtlichen Rundgang auf dem Friedhof nach. Ganz so als hätten sie ihr ganzes Leben darauf gewartet, dass die Menschen endlich verschwinden würden, damit sie auf ihren Gräbern tanzen konnten. Dann hatte ich einen Plan.

Ich verließ die Bar gegen ein Uhr dreißig. Denn spätestens um Zwei würde den gewerbetreibenden Unternehmen auch der Strom abgestellt. Ich wusste, dass das Gebäude einen Zugang zum Dach hatte. Und dass man von dort aus auf ein tiefer liegendes Gebäude klettern konnte, welches einen perfekten Zugang zum Fenster der Herrentoilette der Monkey’s Bar bot. Ob mein Plan funktionieren würde, wusste ich nicht. Ich hatte, bevor ich die Bar verließ, eine alte Chipkarte unter das Fenster in der Toilette geklemmt. Mit ein wenig Glück und Fingerspitzengefühl würde ich es schon hochgestemmt bekommen. Denn bis auf das Interieur war das Gebäude immer noch so verfallen wie vorher. Ich wartete eine gute Stunde auf dem Dach des ehemaligen IT-Unternehmens. Als um mich herum alle übrigen Lichter ausgingen, fühlte ich mich sicher genug, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Die durch die Chipkarte geschaffene Lücke war kleiner als ich sie in Erinnerung hatte. Aber ich war nicht hier, um kurz vor dem Durchbruch aufzugeben. Nach einer gefühlten Viertelstunde hatte ich das Fenster offen und kletterte in den dunklen Toilettenraum.

Vor dem Verschwinden.

Clara sitzt in ihrer kleinen Wohnung auf dem Boden. Vor sich ausgebreitet liegen mehrere Stapel mit Papiergeld und einigem Münzgeld. Sie zählt angestrengt. Ihr Gesicht verrät, dass sie in Sorge ist. Offenbar reicht das Geld nicht. Sie rauft das ganze Geld zusammen, steckt es in eine kleine Umhängetasche und verlässt ihre Wohnung.

Die Straße ist stockfinster. Nicht einmal die zwei Tage alte Mondsichel spendet ein nennenswertes Licht. Clara sieht auf ihre Uhr. Es ist 2.18 Uhr. Zeit der Stromsperre. Zielgerichtet geht sie auf das große ehemalige IBM-Gebäude zu. Sie muss die Treppen nehmen und läuft in den vierzehnten Stock. Am Ende eines dunklen Ganges befindet sich eine Tür, hinter der die Monkey’s Bar liegt. Clara tritt heran und klopft fünf Mal. Ein Mann öffnet. Es ist ein großer, muskulöser Mann mit einer Glatze. Schweigend folgt Clara dem Mann durch den dunklen Barraum und durch eine Tür hinter der Theke.

Es ist stickig in dem Raum, aber es gibt elektrisches Licht. In der Ecke tuckert leise ein Stromerzeugungsaggregat. Um einen Tisch in der Mitte des Raumes sitzen einige seltsame Gestalten. Ein indisch stämmiger Mann mit rahmenloser Brille, zwei ältere Männer mit dunkler Sonnenbrille und ein schmaler Mann mit einem schmierigen Pferdeschwanz. Der Glatzköpfige setzt sich auch an den Tisch und bedeutet Clara es ihm gleichzutun. „Hast du deinen Einsatz?“, fragt der Schmale. Clara nickt. Er beginnt Karten auszuteilen. Offenbar ist diese finstere Runde ein geheimer Glücksspielclub. Wer zur Belegschaft der Bar gehört ist sofort ersichtlich. Der Inder schaut nervös im Raum umher. Er und Clara sind die einzigen, die überhaupt nicht in dieses Ambiente zu passen scheinen. Die beiden älteren Herren mit den Sonnenbrillen scheinen abgehalfterte Spielsüchtige zu sein, die sich ihr Pokerface bewahren wollen. Allein der Glatzkopf und der Schmale scheinen hier das Sagen zu haben. Die fünf Männer und Clara beginnen Texas Hold ‘Em zu spielen.

Die Uhr an der Wand zeigt inzwischen 4.47 Uhr. „All In“, sagt der Glatzköpfige und schiebt sein gesamtes Geld in die Mitte des Tisches. Es spielen nur noch Clara und er. Der Inder mit der rahmenlosen Brille und die Sonnenbrillenmänner sind nicht mehr da. Der Schmale schläft in der Ecke auf einer Couch. Clara und der Glatzköpfige decken ihre Karten auf. Es dauert eine Sekunde bis beide Spieler die Lage erfasst haben. Clara seufzt und lässt ihre ganze Anspannung von sich abfallen. Sie hat gewonnen. Knapp, aber gewonnen. Der Glatzköpfige ist sichtlich schockiert, sammelt sich aber recht schnell wieder. „Nicht so gierig“ sagt der er und greift nach Claras Arm. „Ich habe fair gewonnen. Lassen Sie mich gehen.“ Clara klingt selbstbewusst. Dieser Schuppen sieht allerdings nicht so aus, als würde es hier oft fair zugehen. „Lass Sie gehen, Lars! Und gib ihr eine Tüte“ Der Schmale ist aus seinem Schlaf erwacht und übernimmt sofort das Kommando. Er, viel schmächtiger und schwächer als Lars, scheint aus irgendeinem Grund der Chef zu sein. „Du hast gehört, was er gesagt hat. Lars.“ Claras stimme nimmt einen leicht spöttischen Ton an. Schnell rauft sie das Geld auf dem Tisch zusammen, stopft es in die Plastiktüte und verschwindet durch dieselben Türen, durch die sie gekommen war.

Clara geht schnell an der Friedhofsmauer entlang. Die Plastiktüte mit den Geldscheinen fest umklammert. Sie scheint erleichtert und müde. Jedoch hat sie noch nicht bemerkt, dass sie ihre Umhängetasche in der Monkey’s Bar vergessen hat. „Hey!“ ertönt es plötzlich hinter ihr. Clara dreht sich erschrocken um, doch da hat Lars schon seine riesige Hand über ihren Mund gelegt. „Du elende Betrügerin“, sagt der Schmale und hält Clara ein Stofflappen vor die Nase. Sofort wird sie ohnmächtig. Die beiden Männer machen sich daran, die bewusstlose Clara zurück zur Bar zu tragen.

Clara erwacht zwei Stunden später. Noch immer ist es dunkel. Doch der Sonnenaufgang steht kurz bevor. Es ist der gleiche Raum. Die Lampen sind zwar erloschen doch der stickige Geruch von alten Polstermöbeln und Motorenöl hängt noch immer in der Luft. Als sie ganz zu sich gekommen ist, bemerkt sie, dass sie gefesselt ist. Ihre Beine und Arme sind mit Kabelbindern verknotet. Nach einiger Mühe gelingt es ihr, aufzustehen und zum Fenster zu hüpfen. Sie dreht sich mit dem Rücken zum Fenster und versucht es mit den hinter dem Rücken verbundenen Händen zu öffnen. Einen Spalt bekommt sie auf. Dann reichen ihre Hände nicht mehr an den Rahmen heran. Es ist nun genug Platz, dass sie ihren Kopf durch das Fenster stecken kann. „Hilfe!“ schreit sie über die leere Straße, „Hilfe!“ Immer wieder ruft sie, doch keiner antwortet. Das Geschrei hat auch der Schmale gehört und kommt durch die Tür. „Oh, du bist aufgewacht“, höhnt er, „dann kann ich dir erzählen, was wir mit Diebinnen wie dir machen.“
„Ich bin keine Diebin. Ich habe dieses Geld ehrlich und fair gewonnen.“ Der Schmale schnalzt mit der Zunge. „Wir wissen doch beide, dass das nicht ganz stimmt. Lars hat eine Packung offener Spielkarten in deiner Tasche gefunden. Ich brauche es dir ja nicht sagen, aber deine Gewinnerhand fehlte in dem Deck.“
„Was habt ihr mit mir vor? Ihr habt das Geld doch wieder. Lasst mich gehen!“
„Wo kämen wir denn hin, wenn wir jeden Betrüger einfach so…gehen ließen?“ Die letzten beiden Worte speit er aus wie einen Schluck schlechter Milch. „Nein, nein, nein, nein, nein, du wirst deine Schulden abbezahlen. Die anderen Mädchen erwarten dich schon.“ In diesem Augenblick flattert ein schwarzer Vogel durch das Fenster. Der Schmale schreit sofort wütend auf und versucht das Tier wieder aus dem Zimmer zu befördern. Doch der Vogel ist schlauer und landet galant auf Claras Schoß. Sie flüstert ihm etwas Unverständliches zu, greift sich mit ihren verbundenen Händen in die hintere Hosentasche und zieht eine Visitenkarte der Monkey’s Bar hervor. Der Schmale stürzt sich auf den Vogel als dieser gerade die Karte in seiner Kralle verschwinden lässt. Mit einem präzisen Manöver beißt der Vogel dem Schmalen so sehr in den Finger, dass die Daumenkuppe in Fetzen herabhängt. Dann fliegt er durch das offene Fenster davon. „Was. Zur Hölle. War das?!“ ruft er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Das Blut tropft von seinem lädierten Daumen auf den fleckigen Teppich. „Ein Kolkrabe“, antwortet Clara trocken auf die eigentlich rhetorisch gemeinte Frage.

Nach dem Verschwinden.

Ich tastete mich langsam im Dunkel voran und achtete darauf, keinen Ton von mir zu geben. Die Monkey’s Bar war dunkel und verlassen. Ich konnte nur wenige Konturen ausmachen. Eine Taschenlampe beinhaltete mein improvisierter Plan nicht. Ich wusste nur, dass ich herausfinden musste, was sich hinter der Tür bei der Theke verbarg. Im schlimmsten Fall würden dort der hagere Typ mit seinem Pferdeschwanz und der dicke Glatzkopf warten. Doch ein vages Gefühl sagte mir, dass dem nicht so sein würde.

Natürlich war die Tür verschlossen. Sollte ich hier aufgeben? Sollte das das Ende all meiner Mühen sein? Ich drehte mehrere Male an dem Knauf – vergebens. Wo Geschick nichts mehr bringt, hilft nur noch rohe Gewalt, dachte ich und holte tief Luft. Ich würde diese Tür eintreten. Das alte Schloss dürfte nicht mehr viel aushalten. Eins. Zwei. Drei. Mit voller Kraft ließ ich mich gegen die Tür fallen und stolperte in den Raum.

Er war leer, zumindest menschenleer. In der Mitte des Raumes stand ein Pokertisch, an der Wand eine schäbige ausgezogene Schlafcouch, ein Notstromaggregat und ein kleiner Safe. Clara wo bist du, ging es mir durch den Kopf. Hatte ich vor lauter Ratlosigkeit zu viel in zusammenhangslose Ereignisse hineininterpretiert? Waren der Vogel, die Visitenkarte und der Daumen des Barkeepers nichts weiter als Zufälle, von meinem nach Sinn suchenden Gehirn zu einer haltlosen Verschwörungstheorie zusammengeflickt? Ich fröstelte und erst jetzt wurde mir bewusst, dass das Fenster geöffnet war und ein kalter Wind in das Zimmer wehte. Ich ging zum Fenster und blickte hinaus in die kalte, finstere Nacht. Wann war Clara verschwunden? Plötzlich fühlte ich mich schwindelig. Ich holte die zerknickte Visitenkarte hervor und betrachtete sie. Sie sah alt aus. War verblasst und dreckig. Ganz anders als die Karten vorne auf der Theke. Bei genauerem Hinsehen fiel mir auch der fehlender Schriftzug auf meiner Karte auf: „Neueröffnung, 01. April“. Das war vor einem halben Jahr. Meine zerknickte Visitenkarte stammte offenbar von davor. Dann dämmerte es mir. Ich war zu spät. Der Vogel war zu spät. Über ein halbes Jahr. Und Clara war längst nicht mehr hier, wenn sie es denn je gewesen war. Mich überkam das plötzliche Verlangen mit zu übergeben oder mich hemmungslos zu betrinken. Ich entschied mich für letztere Variante, klaute mir eine Flasche Whiskey aus der Bar und lief ziellos in den zwielichtigen Teil der Stadt – Sündenpfuhl, Rotlichtmilieu, Nachtleben.

Ich weiß nicht mehr viel von den Wochen, die folgten. Ich weiß auch nicht, wie viele es genau gewesen waren. Vier? Fünf? Sechs? Nach meiner Schnitzeljagd in der Monkey’s Bar war ich in ein tiefes Loch gefallen. Der Gedanke, dass ich Clara hätte finden, vielleicht sogar retten können, wenn ich nur ein halbes Jahr früher gekommen wäre, trieb mich in den Wahnsinn. Ich driftete in einem permanenten Zustand des Rausches von Kneipe zu Kneipe und Nachtclub zu Nachtclub. Betrunken saß ich im Scavenger, einer ebenso billigen wie heruntergekommenen Kneipe. An der Bar stritten sich lautstrak ein ausgemergelter Mann und eine Prostituierte. Die Szene hatte meine Aufmerksamkeit, weil die Prostituierte auf dem Höhepunkt des Geschreis ein Glas nahm und es ihm an den Kopf schlug. Aus der Platzwunde spritzte Blut. Die Frau kratzte sich die Scherben von den Händen und stürmte an mir vorbei, aus der Kneipe. Da erkannte ich sie

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  1. c a i l .eala - Mai 1, 2014

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