Würfeltaten-Projekt: Januar

Auf dem wunderbaren Blog von cail.eala findet gerade das Projekt Würfeltaten statt. Im Grunde geht es darum, aus zufällig gefallenen Würfeln eine Geschichte zu erzählen. Diese „Story Cubes“, gibt es mit ganz vielen verschiedenen Bildern. Besser beschrieben findet ihr das Ganze bei cail.eala:

„Einmal im Monat werde ich nun ein Foto posten, auf dem ich zufällige 15 Cubes gewürfelt habe. Jeder der möchte, kann dann mit mindestens 12 dieser Würfel eine Geschichte erzählen.“

Da ich die eigene Geschichte von Cail.eala  so toll fand, hab ich auch mal versucht eine Geschichte aus diesen Würfeln zu schreiben. Verwendet habe ich: Grube schaufeln, Hand, Mensch mit Handpuppen, Richterhammer, Totenschädel, Blut, Pille, Kraken, Türschloss, Vase umstoßen, Brücke über Fluss und Tachometer. Fühlt euch aufgefordert, auf der Website von Cail.eala mitzumachen. Mir hat’s Spaß gemacht, obwohl ich sowas sonst nicht mache.

Würfelwörter sind markeiert. Es ist eine abgeschlossene Geschichte. Wer Rechtschreib-, Grammatik und Ausdrucksfehler findet…hat gewonnen ;P

Die Schatzgräber – Eine Story-Cubes Geschichte

Es war eine mondlose Nacht. Perfekt eigentlich, um im Wald Gruben auszuheben, dachte sich Johann, während er dreckverschmiert und im Schweiße seines Angesichts genau jenes tat. Hüfttief stand er inzwischen in dem Loch von dem Ausmaß eines Grabes. Ganz wohl war ihm bei dem Gedanken nicht, dennoch obsiegte die Aussicht auf den Stasi-Schatz seines an Alzheimer erkrankten Großvaters über das Schuldgefühl, vor vier Stunden dafür ein Verbrechen begangen zu haben.

Johann war den meisten Kindern von Elsterwerda unter dem Name Kraken-Johann bekannt. Einen Titel, der an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten war, wie er fand. Aber wer jeden zweiten Sonntag  mit einer Krakenmütze auf dem Kopf für die Kinder des Ortes ein Puppentheater über die Abenteuer des lokalen und berühmten Meeresbiologen Ernst Becker veranstaltete, der hatte wahrscheinlich nichts besseres  verdient. Dort, im Heimatkundemuseum arbeitete Johann allerdings nicht zufällig als Kinderbespaßer. Nachdem aus seinem Medizinstudium nichts geworden war, wähnte sich Johann in einer Sackgasse. Schon immer war sein Motto „keine halben Sachen“. Die unfreiwillige Exmatrikulation traf ihn deswegen tief. An Alternativen hatte er nie gedacht. Bekannte nannten ihn dafür einen Idiot. Er solle sich nicht so haben und einfach irgendetwas anderes studieren.  Aber irgendetwas anderes kam nicht in Frage, zumindest nicht einfach so. Dann kam ihm eine Geschichte seines Opas Alois in den Kopf, die er ihm als Kind oft erzählte. In der DDR war Alois ein hohes Tier in der der Stasi und genoss neben vielen anderen Privilegien auch so etwas wie Reisefreiheit. Auf einer Reise  in den frühen 70er Jahren in die Volksrepublik China hätte er als Diplomat eine wertvolle Vase  als Gastgeschenk  erhalten, in deren Inneren die Koordinaten für einen vergrabenen Schatz zu finden wären. Opa Alois erzählte diese Geschichte gerne, oft und mit einer großen Portion Nostalgie für die gute alte Zeit. Dann erkrankte er an Alzheimer.

Diese Vase existierte tatsächlich. Sie stand im Heimatkundemuseum der Stadt. Johann hatte genug Filme gesehen. Er wusste, dass er sich ersteimal mit den Räumlichkeiten vertraut machen musste, bevor er sich anschicken konnte, die Vase zu entwenden. Nach sechs elenden Wochen als  Kraken-Johann fühlte er sich bereit, den Plan in die Tat umzusetzen. Zu seinem Glück war das Heimatkundemuseum nicht bewacht. Sehr wertvoll waren die Exponate nicht und auch sonst war noch niemand jemals in das kleine Museum eingebrochen. Die diesbezügliche Naivität seiner kleinen Heimatstadt konnte Johann nur als Glücksfall verbuchen.

„Schönen Feierabend, Johann.“, rief ihm der Museumsleiter zu, bevor er seinen letzten Kontrollgang durch die Ausstellungsräume antrat. Johann war indessen damit beschäftigt die kleine Puppentheaterbühne samt Puppen in den Lagerraum zu bringen, wie er es jedes Mal tat. Er hatte in den letzten Wochen penibel darauf geachtet, dass er genau dann ging, wenn der Museumsleiter gerade seinen Rundgang begann. So würde es  gar nicht auffallen, dass er sich diesmal im Lagerraum einschloss. Der Plan verlief wie erwartet. Er musste sich jetzt nur die Vase schnappen und durch ein Fenster verschwinden. Wenn er die Koordinaten hatte, würde er die Vase  in der gleichen Nacht einfach wieder zurückbringen.

Natürlich wusste er, dass die Möglichkeit bestand, dass es einen Schatz nie gegeben hat. Denn von außen und innen waren nirgendwo Koordinaten erkennbar. Er hatte die Innenseite der Vase mehrfach mit einer Taschenlampe untersucht. Seine letzte Hoffnung war sein kranken Großvater, der von Johanns Mutter zu Hause gepflegt wurde.

„Opa? Hallo ich bin‘s.“ Alois‘ stahlblaue Augen blickten durch Johann hindurch. Er versuchte es noch einmal: „Dein Enkel Johann? Erinnerst du dich? Ich weiß, ich bin groß geworden.“. Nichts.  Seine Mutter hatte ihn schon vorgewarnt. Alois war oft aggressiv, sodass er starke Medikamente und Pillen in den verschiedensten Farben nehmen musste. Alois schien weit weg zu sein. Trotzdem musste es Johann versuchen. Der ganze Aufwand sollte nicht umsonst gewesen sein.

„Opa, ich habe hier deine Vase, die du aus China mitgebracht hast. Erinnerst du dich, dass du mir erzählt hast, dass da irgendwo Koordinaten für einen Schatz eingraviert sind?“. Stille. Allerdings beäugte Alois die Vase nun genau. Johann stellte sie auf das kleine Nachtschränkchen damit sein Opa sie besser sehen konnte. Er glaubte fast nicht mehr an ein Wunder. Zwei Minuten müssen beide so auf die Vase gestarrt haben, als Alois plötzlich mit seiner Hand ausholte und die Vase vom Nachtschrank fegte. Die Vase wieder in Museum zurückbringen? Nun ausgeschlossen.

„Scheiße!“, entfuhr es Johann,

„Warum hast du das getan?“, stieß er vielmehr aus Bestürzung hervor und nicht weil er eine Antwort erwartete. Doch die Antwort zeigte sich ihm Sekunden später. Der Boden der Vase musste doppelt gewesen sein. Zwischen den Scherben lag nun ein kleiner vergilbter Zettel. Darauf stand in klarer Handschrift: +51° 30′ 58.40″, +13° 29′ 9.61″.

„Scheiße!“, entfuhr es Johann abermals. Diesmal, weil er sein Glück kaum fassen konnte. „Alois Bergmann, du Schlitzohr.“ murmelte er während er die Scherben zusammenkehrte und in seinem Rucksack verstaute.

Johann setzte sich sofort an das Steuer seines Wagens und trat das Gaspedal durch. Vorfreude und eine Euphorie, die nur aus dem Gefühl resultierte, mit einem Verbrechen davon gekommen zu sein und bald Besitzer eines Schatzes zu sein, ließen ihn immer schneller fahren. Das Tachometer zeigte 110 km/h als er noch Innerorts die Brücke über der Schwarzen Elster überquerte. Sein Navi führte ihn aus Elsterwerda hinaus und in ein dichtes Waldgebiet hinein. Hier muss sein Opa den Schatz vergraben haben.

Und da stand Johann nun. Schwitzend, dreckig, inzwischen schulterhoch in der Grube stehend. Vorfreude den Schatz bald zu bergen, ließen ihn die Schmerzen vregessen. Die mondlose Nacht war nun schon weit fortgeschritten. Mit jeder Schaufel Erde nahmen die Schmerzen im Rücken zu. Es wurde Zeit, endlich auf den Schatz zu stoßen. Noch zwanzig Schaufeln. Er setzte sich eine Grenze bevor er aufgeben musste. Dann stieß er auf etwas Hartes. Ein Schauer lief Johann über den Rücken, als er erkannte, was er gerade freigeschaufelt hatte. Ihm entgegen blickten die leeren Augenhöhlen eines menschlichen Schädels. Weitere Knochenteile ragten daneben aus dem Boden. Johann stieß einen kurzen Schrei aus.

„Nicht das, was du erwartet hast, Junge, oder?“, rief eine Stimme hinter ihm. Die Polizei hatte ihn gefunden, schoss es Johann in den Kopf. Eine Leiche statt eines Schatzes und die Aussicht auf Gefängnis. Hass und Ekel stiegen in ihm auf. Nicht auf sich, sondern auf seinen Großvater Alois. Dieser hatte offenbar jemanden hier vergraben und als Trophäe die Koordinaten aufbewahrt.  „Ich habe nichts getan!“, versuchte sich Johann zu verteidigen.

„Komm raus und schaufel das Grab wieder zu, dann passiert dir auch nichts.“. Johann drehte sich um. Es war nicht die Polizei. Johann leuchtete der Gestalt  ins Gesicht, welche im Schatten der Nacht verborgen war. Es war ein Mann von ungefähr 70 Jahren, der zu allem entschlossen schien. Johann kletterte aus der Grube und warf die Schaufel vor sich auf den Boden.

„Wer sind sie? Was wollen sie hier?“, Johann verstand nicht.

„Das spielt keine Rolle. Du schaufelst jetzt das Grab wieder zu, gehst nach Hause und verlierst nie wieder ein Wort über diese Nacht.“

„Ich tue, was Sie mir sagen. Wenn Sie mir auch sagen, was hier eigentlich abgeht“, erwiderte Johann, überrascht von seinem eigenen Mut. Er hatte nicht die letzten 4 Stunden eine Grube geschaufelt um jetzt nicht wenigstens zu erfahren, warum das alles umsonst gewesen sein sollte.

Der Alte seufzte: „Na schön. Ich, Alois und der alte Bernhard da unten, waren in den 70er Jahren oft auf Reisen. Diplomaten waren wir.“

„Stasi, meinen Sie.“ murmelte Johann

„Jedenfalls“, der Alte atmete tief durch, „haben wir viel mehr bekommen als die Vase, die du heute Abend gestohlen hast.“

„Woher wissen Sie das?“

„Sagen wir, meine Tochter hat einen Anruf eines verwirrten alten Freundes von mir bekommen und ich habe eins und eins zusammengezählt. Willst du die Geschichte jetzt hören, oder nicht?“. Der Alte war gereizt. Johann bedeutete ihm, fortzufahren.

„Wir haben dann damals alles hier vergraben, vor der Regierung geheim gehalten.  Bernhard und ich wurden dann aber, sagen wir, gierig. Wir gerieten in einen Streit. Bernhard zog eine Pistole und drohte, mich zu erschießen, wenn ich ihn nicht den Schatz nehmen ließe.“

„Aber da unten liegt Bernhard. Und nicht Sie.“

„Das ist richtig. Du bist klug. Ich zog meine Waffe und erschoss ihn. Ich war schon immer schneller wenn es um das Treffen großer Entscheidungen ging.“

„Dann nahmen Sie den Schatz und vergruben Ihren armen Freund da unten.“

„Korrekt. Und jetzt schaufel das Grab wieder zu, wenn du ihm nicht Gesellschaft leisten willst.  Die Sonne geht bald auf.“

„Nein.“

„In dem Fall…“, der Alte zog eine Pistole aus seinem Mantel und entsicherte sie. Johanns Haare stellten sich auf. Er war eindeutig zu weit gegangen. Das „Nein“ war ihm so herausgerutscht. Er verachtete diesen Mann. Keine halben Sachen, sein Lebensmotto, schoss ihm durch den Kopf.

Dann ging alles ganz schnell. Der Alte machte einen Schritt auf ihn zu. Trat ausversehen auf die Schaufel. Sie schnellte ihm ins Gesicht. Johann nutzte diese Sekunde der Verwirrung und riss ihm die Pistole aus der Hand. Der Alte stolperte, rutschte im Dunkel der Nacht aus und fiel in die Grube, wo er sich den Kopf an dem Gestein aufschlug. Blutend lag er nun neben seinem ehemaligen Freund Bernhard. Johann blickte nach unten. Der Alte hatte nicht nur seinen Opa Alois hintergangen, sondern auch einen Mann umgebracht und war bereit einen zweiten Mord zu begehen. Johann hätte die Polizei rufen können. Er wäre trotzdem wegen Diebstahl verurteilt worden. Beim dem Gedanken an den Richterhammer, traf er eine Entscheidung.

„Keine halben Sachen.“ sagte Johann, drückte ab und warf die Pistole in das Grab. Dann schaufelte er das Grab zu, ging nach Hause und verlor nie wieder ein Wort über diese Nacht.

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