Carrie – Kritik

Bevor ich hineintauche in die Welt von Satans jüngster Tochter Carrie muss ich gestehen, dass ich weder Stephen Kings Roman noch die Verfilmung von 1976 mit Sissy Spacek gesehen habe. Umso unvoreingenommener konnte ich die Neuverfilmung von Kimberly Peirce (Boys don’t cry) auf mich wirken lassen. Alles, was ich vorher wusste, beschränkte sich auf das Wissen um die zerstörerischen Kräfte von Carrie und ihr letztendlicher Rachefeldzug gegen ihre jungendlichen Peiniger. Stellt sich heraus: Mehr gibt es auch nicht zu wissen.

Carrie White ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager. Vielleicht etwas schüchtern und nicht die Beliebteste in ihrer Klasse von potenziellen Next-Topmodel-Kandidaten. Doch als sie am Tag des Schwimmunterrichts ihre Periode bekommt, wissen wir, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Volkommen ahnungslos, was mit ihrem Körper passiert, wird sie von ihren Klassenkameradinnen mit Tampons und Binden beworfen. Beschämung, Demütigung und Angst kumulieren in einem ersten Ausbruch ihrer Wut in Form einer platzenden Glühbirne. Carries streng gläubige, fanatische Mutter tut ihr übriges, dass Carrie zur Außenseiterin wird und Grund genug bekommt, ihre Kräfte anzuwenden.

Ein bisschen wirkt Carrie wie der feuchte Traum eines waschechten High School Musical-Hassers. Ausnahmslos jedes späte Opfer im Film ist die Karikatur eines klischeehaften High School Schülers. Wir haben die blonde Bitch mit Gewissen, die brünette Bitch ohne Gewissen, den liebenswerten Footballspieler, die verständnisvolle Lehrerin und eine Reihe Kanonenfutter für Carries Racheaktion. Und alle sehen aus wie aus der Model-Retorte. Carrie sieht dazwischen wie die Hauptfigur in einem Anime aus.

9gag

9gag

Aber nicht nur das Äußere der Charaktere wirkt wie der verzweifelte Versuch Carries Außenseiterstatus auf plumpe Art zu manifestieren. Chloë Grace Moretz‘ Schauspiel wirkt wie aus einem Buch mit dem Namen Acting scary for Dummies. Chloe hat die Kapitel über subtile Zwischentöne übersprungen und sich auf den Schnellkurs Mannerisms 101 beschränkt. Hier einmal den Kopf zur Seite neigen, wilde Gestiken mit den Händen (wir müssen ja schließlich sehen warum die Möbel plötzlich fliegen), bedrohlich von unten in die Kamera gucken, sich selbst beim Weinen umarmen (das wirkt verzweifelter!).  Und so stellt sich nach und nach ein Déja-vu ein, in Sinne von „Oh, genauso sehe ich aus, wenn ich versuche mit der Force automatische Schiebetüren zu öffnen. Drama, baby, drama!“. Des Overactings macht sich Julianne Moore als sich selbst ritzende, fanatische Gottesanbeter-Mutter weniger schuldig. Allerdings ist auch ihr Charakter so breit angelegt, dass er fast zur Parodie verkommt. Und das ist das größte Problem von Carrie. Der Film hat keine echten Menschen, nur Stereotype.

Aber kann der bekannten Handlung wenigstens etwas Neues abgewonnen werden? Wie gesagt, ich kenne die Vorlage nicht, Aber das, was Carrie bietet, ist eine lineare, klassisch erzählte Geschichte ohne Wendungen und Überraschungen. Nichts gegen Linearität, wenn sie gut ausgeführt ist. The Conjuring hat es zum Beispiel geschafft, dass Horrorgenre nicht neu zu erfinden, aber eine quasi-bekannte Geschichte frisch, aufregend und gruselig (!!) zu erzählen. The Conjuring funktionierte nicht zuletzt deshalb, weil der Film sich für seine Charaktere Zeit nimmt und sie so zeichnete, dass ich mich mit ihnen identifizieren konnte. Bei Carrie war mir ziemlich egal, was mit irgendeinem Charakter passierte. Natürlich bekommt die brünette Bitch am Ende ihre Rechnung (ihr Tod war aber ganz nett inszeniert). Natürlich musste Crazy-Mom am Ende ans Kreuz genagelt werden. An Kunstblut wird wahrlich nicht gespart. Auch nicht an kreativen Sterbearten à la Final Destination. Trotzdem tue ich mich schwer Carrie als Horrorfilm zu bezeichnen. Splatter? Vielleicht. Ich tue mich tatsächlich schwer, Carrie als überhaupt etwas zu bezeichnen. Schade.

Carrie kommt am 05. Dezember 2013 ins Kino.

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3 responses to “Carrie – Kritik”

  1. eddialive says :

    ich kann nur empfehlen die alte Version zu schauen und diese auszublenden. Alles gesagte trifft für diesen Film leider zu. Dabei gab es doch soooo ein schönes Virales Video :S

  2. Christoph says :

    Ach schade, dabei hatte ich mich irgendwie drauf gefreut. Also DVD-Kauf statt Kinogang.

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