Inside Llewyn Davis – Kritik

Die Coen-Brüder kehren nach ihrem letzten Film, A Serious Man (2009) mit einem Film über Folkmusik-Szene in den endenden 60er Jahren zurück. Erste Trailer zeigten den Titelhelden Llewyn Davis durch New Yorker Straßen wandern, immer eine orange getigerte Katze auf dem Arm. Katzen? Folkmusic? Coen-Brüder? Yes please! So gesehen war meine Vorfreude auf  Inside Llewyn Davis auch riesig. Er ist für einen Film, der im Kern eine ziemlich traurige Geschichte erzählt, unglaublich lustig, besitzt eine ganze Reihe von zitierbaren One-Linern und einen Cast, der die knapp 2 Stunden wie im Fluge vergehn lässt. Aber der Reihe nach.

Hold me fast, ‚cos I’m a hopeless wanderer

Oscar Issac spielt den erfolglosen Folk-Musiker Llewyn Davis, der Ende der 60er Jahre sein Dasein als Zwischen-Act im New Yorker Gaslight Café fristet. Ständig in Geldnot schläft er jede Nacht auf einem anderen Sofa – bei Bekannten, Freunden oder Famillie – um nicht unter einer Brücke leben zu müssen. Seine Schwester Joy (Jeanine Serralles) ist genervt, dass er sein Leben nicht auf die Reihe bekommt und  Jean (Carey Mulligan) erwartet ein ungewolltes Kind von ihm, das aus einem One-Night-Stand entstanden ist. Es ist nicht das Leben, was sich Llewyn erträumt hat. Das Leben, was er als wahres Leben betrachtet.  Er ist zu idealistisch, um das „normale“ Leben mit einem „normalen“ Job als erstrebenswert abzu sehen. Und mit seiner immer wieder aufbrausenden Fuck-You-Attitüde stößt Llewyn selten auf Gegenliebe.  Also wandert er ziellos durch New York, nimmt jede noch so kleine Chance wahr, seinen Traum von der Musik leben zu können, zu verwirklichen und landet am Ende doch wieder da, wo er begonnen hat.

Inside Llewyn Davis © StudioCanal

If it’s never new and it doesn’t get old, it’s a folk song

Das Dilemma, in dem Llewyn steckt, hat nichts mit der Qualität seiner Musik zu tun. Die Folk-Szene 1969 wird von der damaligen Plattenindustrie schlicht und einfach nicht ernst genommen. Dieses Gefühl der Ablehnung schlägt Llewyn Davis entgegen, wohin er auch kommt. Auf dem Weg nach Chicago in einem Auto mit John Goodmans Roland Turner, im Chicagoer Gate of Horn Nachtlub und von seinem eigenen Manager. Und selbst als Zuschauer fand ich mich immer wieder über die unfreiwillig komischen Folk-Gestalten schmunzeln und lachen. Die Belustigung hält jedoch nur solange an bis die Musik einsetzt. Denn die ist fantastisch. Sogar die Played-For-Laughs-Nummer Please Mr. Kennedy interpretiert von Oscar Isaac, Adam Driver und Justin Timberlake ist toll und verdammt eingängig.

Marcus Mumford hat bei Inside Llewyn Davis als Music Supervisor fungiert und arrangierte zusammen mit T-Bone Burnett die Traditionals, Blues- und Folk-Nummern.  Gäbe es eine Oscar-Kategorie Best Adapted Song, stünde Hang me, oh hang me, If We Had Wings oder Fare Thee Well sicher auf der Nominiertenliste. Die Hoffnungen liegen nun auf den Grammys.

Hang me, oh hang me in einer Version von J.B. Berverly:

Inside Llewyn Davis ist keine Spielfilmversion von Searching For Sugarman, keine Rags-To-Riches-Story und erst recht kein Fake-Biopic.  Joel Coen und Ethan Coen erzählen sehr zurückgenommen und ohne jeglichen Pathos und Meta-Aussagen über das Leben eine Geschichte, in der der Held am Ende wieder dort ankommt wo er angefangen hat. Oscar Issacs Llewyn Davis erträgt sein Schicksal und die Schrullen seiner Mitmenschen mit ausdrucksloser Trockenheit, die einen Großteil des Humors ausmacht. Sein inneres Augenrollen kann man sich immer dazu denken. Überhaupt ist Inside Llewyn Davis mitnichten ein ernster Film. Ernsthaft in den Gefühlen seiner Charaktere und Schicksalsschläge, aber nie deprimierend. Der Humor entsteht aus den pointierten Dialogen, die mindesten so zitierbar sind wie in The Big Lebowski und den stellenweise karikaturesken Charakteren.

Als Llewyn dem grummeligen Rücksitz-Passagier Roland Turner vom Selbstmord seines Musik-Partners Mike erzählt, kommentiert dieser in belehrenden Worten:

„George-Washington-Bridge? You throw yourself off the Brooklyn-Bridge…traditionally! George-Washington-Bridge, who does that?“

An einer anderen Stelle fragt Jean ernsthaft besorgt:

„Do you ever think about the future at all?”

Worauf Llewyn antwortet:

„Do you mean flying cars? Hotels on the moon?“

Niemand nimmt Llewyn ernst, warum sollte er dann irgendjemanden ernst nehmen. Hinter Llewyns großem Idealismus steckt auch eine große Portion Desillusion – von seinen Freunden, seiner Familie und vom Leben. Der Kreis schließt sich am Ende als hoffnungsloses Déjà-vu. Da passt es auch, dass uns Llewyn Davis mit einem einfachen, französischen Au revoir in die Credits entlässt.

Inside Llewyn Davis ist ein wunderbarer Film für alle Musikliebhaber, Freunde guter Drehbücher und Fans der Coen Brüder, John Goodman, Carey Mulligan und der Serie Girls (wegen Adam Driver und Alex Karpovsky). Die Coens werfen wieder viele Zutaten, wie Comedy, Drama, Film-Noir, in den Mixer und schaffen ein Werk, was sich sehr gut ein zweites, drittes und n-tes Mal gucken lässt.

 Inside Llewyn Davis kommt am 20. Dezember 2013 in die Kinos. Der Soundtrack wird am 08. Novermeber 2013 erscheinen.

P. S. Der Name der Katze ist Ulysses. Ulysses!
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